MALEREI UND KALLIGRAFIE

Die Kalligrafie- und Gemäldesammlung des Museums spannt einen Bogen von der Tang-Dynastie und der Zeit der fünf Dynastien bis in die Moderne; die meisten Arbeiten stammen jedoch aus der späten Kaiserzeit der Ming- und Qing-Dynastien. Allgemein sind die hier gezeigten Werke zwei verschiedenen Gruppen zuzuordnen: Ein Teil der Gemälde wurde von Künstlern geschaffen, die repräsentativ für ihre Zeit waren und zu ihren Lebzeiten Bedeutung und Berühmtheit erlangten, während der zweite Teil der Kunstwerke verschiedene historische Sujets darstellt.

Die Zeit der Yuan-Dynastie, der Nachfolger der Song, war eine Blütezeit der Malerei. Die Maler dieser Periode wandten sich von der kräftigen Linienführung früherer Meister ab. Ihre Faszination galt nicht der realistischen Landschaftswiedergabe, sondern sie strebten eine abstraktere, vom Geist der Einfachheit geprägte Malerei an. Die als "Vier Meister der Yuan-Zeit" bekannten Künstler hatten einen starken und nachhaltigen Einfluss auf die späteren Maler der Ming- und Qing-Dynastien. Die Gemälde Regen am Fluss und im Gebirge, ein frühes Werk von Huang Gongwang, und Wasser- und Bambuswohnung, eines von nur zwei erhaltenen farbigen Gemälden von Ni Zan, sind von unschätzbarem Wert.

Die Zeit der Ming-Dynastie war eine Glanzzeit der Malerei: Die Zahl der sogenannten Literatenmaler nahm zu, und es entstanden hervorragende und vielfältige Malerschulen. So nutzte etwa Lu Ji für sein Gemälde Fasan und Kamelie die mehrschichtige Malweise mit verschiedenen Farben und knüpfte damit an eine Tradition aus der Zeit der Song-Dynastie an; auf diese Weise übernahmen die Ming-Akademien das Zepter von ihren Vorläufern aus der Song-Zeit. Bis zur Mitte der Dynastie hatte sich indes ein eigenständiger und ausgeprägter Ming-Stil durchgesetzt, in dem die Zhe-Schule oder Südliche Schule eine tonangebende Rolle spielte; ihr führender Vertreter war Wen Zhengming (1470-1 559). Zusammen mit Shen Zhou (1427-1509), Tang Yin (1470-1523) und Qiu Ying gehörte er zu den "Vier Meistern der Ming-Zeit", auch "Vier Meister von Wumen" genannt (Wumen war der Zweitname der Stadt Suzhou, in der die Maler lebten). Die kalligrafische Gestaltung und die Malweise seines Bildes Wohnung zur Würdigung der Schönheit sind fein und grazil, und es steht damit für eine der neuen Richtungen, die man in der Landschaftsmalerei der mittleren Ming-Zeit einzuschlagen suchte - einer Zeit, in der die Maler in weitaus stärkerem Maße das Leben direkt beobachteten und wiedergaben.

In der Qing-Dynastie schritt die während der Yuan-und Ming-Zeit begonnene Entwicklung der Malerei weiter fort -die Grenze wurde von derPolitik, der Wirtschaft, der Kultur und dem Denken der Zeit gesetzt. So entstand ein ganz besonderer Stil. Gelehrte Literaten übernahmen zusehend die Führungsrolle in der Welt der Kunst, und die verschiedenen Schulen, die in der späten Ming-Zeit entstanden waren, entwickelten sich weiter. Die "Vier Wangs"- Wang Jian, Wang Shimin, Wang Hui und Wang Yuanqi - richteten ihr besonderes Augenmerk darauf, dass ihre Kunst das Gefühl des Betrachters ansprach, und genossen hohes Ansehen am Kaiserhof. Andere Ming-Maler, die gegen Ende der Dynastie in das Jiangnan-Gebiet im Süden Chinas gezogen waren, gründeten eine neue Schule. Sie standen der Qing-Regierung kritisch gegenüber und traten für Individualität ein, sie artikulierten neue Ideen und schufen Werke voller Leben. Zu den Vertretern dieser Richtung gehörten die sogenannten "Vier Mönche"und die "Acht Meister von Jinling". Die vier Mönche hießen eigentlich Shitao, Zhuda, Hongren und Kuncan.

Während der Qing-Dynastie ließen sich zahlreiche Maler in Yangzhou nieder, weil dort Handel und Verkehr blühten. Die berühmtesten waren die sogenannten "Acht Exzentriker von Yangzhou": Jin Nong (1687-um 1764), Huang Shen (1687-1768), Zheng Xie (1693-1765), Li Shan (um 1686-1756), Li Fangying (1696-1755), Wang Shishen (1686-1762), GaoXiang (1688-1753) und Luo Pin (1733-1799). Zheng Xie war bekannt dafür, dass er in seinen Gemälden Motive wie Bambus, Steine und Orchideen mit Kalligrafien verschmolz.

Die repräsentativsten Gemälde, die das Museum besitzt, behandeln historische oder literarische Sujets oder Genrethemen. Die Arbeiten Blühende Südliche Hauptstadt und Ansichten der kaiserlichen Hauptstadt stellen in realistischer Manier den wirtschaftlichen Wohlstand und das gesellschaftliche Leben in Nanjing und Peking zur Zeit der Ming-Dynastie dar. Qianlongs Inspektionsreise in den Süden ist ein bedeutendes Historienbild, das aus zwölf Querrollen besteht und die erste Inspektionsreise in den Süden schildert, die der Qing-Kaiser Qianlong 1751 nach Zhejiang unternommen hatte. Die Alben mit Illustrationen zu dem Roman Seltsame Geschichten aus einem chinesischen Gelehrtenzimmer, den Pu Songling während der Qing-Dynastie verfasst hatte, sind äußerst fein ausgeführt und bringen die Kreativität zum Ausdruck, die durch die Verbindung von Literatur und Malerei freigesetzt wurde. (Zhu Min)